
Dieser Beitrag erschien am 16.3.2008 auf Gegen den Strom auf blog.de. Da ich Grund zur Annahme habe, daß mein Blog dort kurz vor der Löschung steht, transferiere ich alle Beiträge hierher.
Der Mann, der tagtäglich auf seinem Blog der meistgelesenen Zeitung Deutschlands vorhält, was sie falsch macht, erörtert heute in der FAZ die Vor- und Nachteile der Onlinezensur bei Leserkommentaren.
Da das rebellierende Fußvolk nicht immer im Sinne der Journalisten kommentiert, müsse man Maßnahmen ergreifen, meint zum Beispiel der Stern-Chefredakteur:
„User, herzlich willkommen - aber nur die, die sich an die Mindestregeln von Communitys halten.“
Bei Focus sieht das dann in der Praxis so aus:
Schon „übertriebene Zeichensetzung“ oder Smileys können dazu führen, dass ein Beitrag nicht veröffentlicht wird - aber natürlich auch rassistische oder sexistische Äußerungen.
Und die Süddeutsche Zeitung setzt Maßstäbe, die Kuba als Hort der Freiheit erscheinen lassen:
Auf sueddeutsche.de gilt ein Kommentar schon als löschenswürdig, wenn er über einen „SZ“-Autor, der regelmäßig das Internet als Hort der Dummheit darstellt, sagt, er „zetere“ über ein Medium.
Ähnlich einem Gefängnis mit Ausgangszeiten, gibt es bei der SZ auch Postingzeiten. Selbstverständlich nur der Qualitätssicherung zuliebe:
Dort können seit einigen Monaten nur noch werktags zwischen acht und neunzehn Uhr Kommentare abgegeben werden - um „die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker [zu] moderieren“.
Ob etwas rassistisch, sexistisch oder sonstwie verboten ist, entscheidet selbstverständlich derjenige, dessen Artikel kommentiert wird, wie in diesem Fall der Chef von Focus-Online:
„Es gibt Kommentare, die will ich auch nicht für eine Minute unter meinen Artikeln stehen haben“, sagt Wegner.
Natürlich geschieht dies nicht aus Gründen der Zensur, sondern zum Wohle der Mitmenschen, so Wenger weiter:
„Das ist auch ein Zeichen der Wertschätzung unseren Usern gegenüber, dass wir nicht jeden Unsinn freischalten.“
Die FAZ korrigiert sogar Leserbeiträge, aber selbstverständlich nur, um damit die Qualität zu steigern:
Aber Kürzungen nehmen wir nur im positiven Sinne vor“, sagt Redaktionsleiter Kai Pritzsche: „Um einen eigentlich guten Kommentar, den wir wegen einer einzelnen Beschimpfung sonst löschen würden, doch veröffentlichen zu können.“
Allerdings ist Pritzsche auch ein bißchen naiv, denn obwohl er tagtäglich soviele böse Dinge lesen muß, glaubt er noch immer an die Ehrlichkeit des Menschen:
Pritzsche glaubt auch, dass es wichtig ist, dass man sich bei faz.net zum Kommentieren mit seinem Klarnamen anmelden muss: Bei einem Gegenüber mit Pseudonym fällt die Beleidigung leichter.
Auch Majestätsbeleidigungen sind schon passiert, als sich ein Chefredakteur um Volkes Meinung erkundigte. Geschehen ist das - ja, Sie haben richtig geraten - bei der Süddeutschen Zeitung:
Und während sich viele Online-Chefs wünschen, dass die Autoren sich häufiger in eine Diskussion einschalten, hat Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von sueddeutsche.de, schlechte Erfahrungen gemacht: Das sei nicht empfehlenswert, weil die User dann erst recht auf den Redakteur einschlügen.
Ist es ein Altersproblem, daß diese Redakteure nicht erkannt haben, worauf Niggemeier richtigerweise hinweist?
Das Wissen der Leser ist ein Schatz, der nur gehoben werden will: Aus Leserhinweisen entstehen bei Focus Online wunderbare Anlässe für Berichte über „Serviceflops“ deutscher Unternehmen, bei stern.de gab es nach Leserkommentaren eine Recherche über die Abgründe bei StudiVZ, bei Spiegel Online werden aus Erfahrungsberichten von Lesern Beiträge für die Geschichtsrubrik „Eines Tages“.
Doch auch Niggemeier, der Mann, der durch Kommentare bekannt wurde, will Kommentare zensieren:
Es scheint ein mühsamer Lernprozess für alle Beteiligten zu sein, aus der revolutionären Möglichkeit, dass das Publikum nicht nur hinnehmen muss, sondern teilnehmen darf, einen tatsächlichen Gewinn zu schöpfen. Von allein kommt das nicht, und umsonst ist es nicht zu haben. Für die Medien nicht, die massiv in die Betreuung ihrer Communitys investieren müssen. Aber für die Leser auch nicht, die Abstand nehmen müssen von der Illusion, einfach überall kleine Empörungsrülpser hinterlassen zu können. Das beste Mischungsverhältnis aus Anarchie und Kontrolle wird gerade in schmerzhaften Operationen am lebenden Objekt probiert.
Die Freiheit der Kommentare wird - wie so oft im Leben - von einer Kosten-Nutzen-Rechnung abhängen: Ist es günstiger, politisch korrekte Meinungswächter zu haben, die zwar Geld kosten, aber potentielle Klagen chronisch beleidigter Bevölkerungsschichten im vornhinein verhindern oder ist es günstiger, auf die Zensur zu verzichten, viel Kreativität dabei freizusetzen, die die Zeitungen selbst nutzen können, und am Ende ein paar Klagen am Hals zu haben, die in einem Land, das die Meinungsfreiheit garantiert, ohnehin kein Problem sein dürften?
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